
Was ich aus den Sommern meiner Kindheit wirklich vermisse
Gestern habe ich mich dabei erwischt, wie ich innerhalb weniger Minuten bestimmt zehnmal mein Handy in der Hand hatte. Ich habe meine E-Mails geöffnet. Meine Nachrichten. Die sozialen Medien. Dann wieder die E-Mails.
Obwohl ich genau wusste, dass sich in den letzten zehn Sekunden nichts verändert haben konnte.
Zwischendurch bin ich in die Küche gegangen und habe den Kühlschrank geöffnet. Nicht, weil ich Hunger hatte. Ich wusste einfach nicht, was ich mit diesem kleinen Moment freier Zeit anfangen sollte.
Als ich später darüber nachgedacht habe, musste ich plötzlich an meine Großeltern denken.
Jeden Sommer habe ich einen Teil meiner Ferien bei ihnen verbracht. Und jedes Jahr, wenn die Tage warm werden, kommen diese Erinnerungen wieder zurück. Ich erinnere mich daran, wie die Steinplatten vor dem Haus in der Sonne gerochen haben. Wie weich die Butter beim Frühstück war. Wie warm die Tomaten und Gurken vom Abendbrot geschmeckt haben. Und wie gut der Honig vom Nachbarn war.
Es sind keine großen Erinnerungen. Es sind diese kleinen Sinneseindrücke, die geblieben sind.
Eine Zeit, in der mir nie langweilig war
Was mir aber vor allem in Erinnerung geblieben ist, ist dieses Gefühl, dass mir nie langweilig war.
Dabei war gar nicht ständig etwas los. Manchmal bin ich morgens mit meinem Opa einkaufen gegangen. Oder wir haben Ausflüge gemacht. Und wenn wir zu Hause waren, konnte ich stundenlang auf meinem Holzpferd spielen, das er mir gebaut hatte.
Dieses Holzpferd hat mich durch meine ganze Kindheit begleitet. Stundenlang bin ich mit ihm durch Wälder geritten, habe Abenteuer erlebt und Geschichten erfunden. Die Welt um mich herum verschwand dabei einfach.
Heute fällt mir auf, wie selten ich mich noch so selbstverständlich einer Sache hingeben kann.
Freie Zeit fühlt sich plötzlich unruhig an
Sobald ein Moment frei wird, greife ich oft ganz automatisch zum Handy. Ich schaue nach, ob eine neue Nachricht gekommen ist. Öffne meine E-Mails. Lege das Handy weg und nehme es kurze Zeit später wieder in die Hand.
Manchmal esse ich etwas, obwohl ich gar keinen Hunger habe.
Als müsste jede freie Minute gefüllt werden.
Dabei suche ich gar nichts Bestimmtes.
Vielleicht fehlt mir einfach dieses tiefe Eintauchen in einen Moment. Dieses Gefühl, sich einer Sache ganz hinzugeben, ohne ständig an das zu denken, was als Nächstes kommt.
Der Sommer erinnert mich daran
Vielleicht kommen deshalb jedes Jahr diese Erinnerungen zurück.
Nicht nur die Bilder meiner Großeltern, sondern auch der Geruch der warmen Steinplatten, der Geschmack des Honigs oder die warmen Tomaten vom Abendbrot.
Sie erinnern mich daran, wie sich diese Sommertage angefühlt haben.
Es gab Zeit. Zeit, draußen zu sein. Zeit, Wolken zu beobachten. Zeit, stundenlang mit einem Holzpferd Abenteuer zu erleben. Zeit, ohne ständig auf den nächsten Reiz zu warten.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Erinnerungen so gerne festhalte.
Sie zeigen mir, dass ich dieses Gefühl bereits kenne und, dass es vielleicht gar nicht verschwunden ist.
Vielleicht braucht es einfach nur wieder ein bisschen mehr Raum.
Mehr Zeit draußen. Mehr Momente, in denen nichts passieren muss.
Mehr Vertrauen, dass aus einer scheinbaren Langeweile etwas Schönes entstehen kann.
So wie damals.
